Paris-Touristen aus dem verkehrsgeregelten Deutschland, die sich im eigenen Auto auf den Boulevard Périphérique wagen, sind oft irritiert, wenn nicht schockiert. Auf der Autobahn, die zum Teil vier Spuren pro Fahrtrichtung aufweist, herrschen, um es mal nonchalant zu formulieren, sportliche Sitten: Überholt wird rechts wie links, die Hupe dient als Blinkerersatz, und die Fahrbahnmarkierungen sind Motorradpisten.
Die Deutschen wundern sich: Haben die Franzosen ihren Führerschein im Lotto gewonnen - oder auf dem Jahrmarkt?
Mitnichten. Eine Statistik hat jetzt herausgefunden, woher die eigentümlichen Fahrsitten kommen. Von 887 000 Fahrberechtigungen, die in Frankreich 2009 erteilt wurden, wurden fast zehn Prozent in Gegenden erworben, die nicht unbedingt für gelebte Regeltreue am Steuer berühmt sind: Marokko, Algerien, Spanien, Portugal und der Senegal gehören zu den beliebtesten Ländern, in denen Franzosen die Führerscheinprüfung ablegen. Der Grund: Der Erwerb der Fahrerlaubnis ist dort viel günstiger und geht schneller als in Frankreich, wo man bis zu acht Monate auf einen Prüfungstermin warten muss. Während ein Führerschein in der Grande Nation mit 1500 Euro zu Buche schlägt, kommt man in Tanger oder Dakar schon mit 200 Euro ans Ziel. Die Übertragung ist selten ein Problem, Frankreich erkennt Führerscheine aus 154 Ländern an. Einzige Voraussetzung, die übrigens EU-weit gilt: Man muss eine Bescheinigung beibringen, dass man sechs Monate in dem Land gelebt hat. Flexible und unbürokratische Fahrschulen liefern diese jedoch auf Wunsch gerne mit. Reisebüros bieten inzwischen schon Pauschalangebote unter dem Motto "Voyage et Permis" (Reise und Führerschein) an. Die französische Fahrlehrergewerkschaft fordert nun eine Verkürzung der Prüfungswartezeit. Das Problem ist übrigens auch in Deutschland bekannt. Hier sind es allerdings keine jungen Menschen, die als Führerscheintouristen in diesem Fall nach Tschechien reisen, sondern Fahrer, die ihren Führerschein verloren haben - mangels Eignung.
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