Sie sind nicht angemeldet.

Paule

Menschlich

  • »Paule« ist männlich
  • »Paule« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 9 534

Registrierungsdatum: 28. März 2006

Wohnort: Saar

Beruf: Zuschauersport

Führerschein aus: mit und ohne -:)

  • Nachricht senden

1

Montag, 23. März 2009, 15:18

Fehlende Personenkennziffer(Geburtennummer), kein Grund zur Aberkennung in Deutschland (Anerkennung einer ausländischen EU-Fahrerlaubnis) Bericht von Rechtsanwalt Christian Demuth

Zitat

Anerkennung einer ausländischen EU-Fahrerlaubnis

Die Behörde darf einen EU-Führerschein, der nach Ablauf der inländischen Sperrfrist im Ausland erworbenen wurde, nur dann aberkennen, wenn sie „unbestreitbare Informationen“ des ausstellenden Staates darüber hat, dass ein Fall des sog. Führerscheintourismus vorliegt.
Dies geht aus einem aktuellen Urteil des Verwaltungsgericht Gelsenkirchen hervor (Aktenzeichen: 7 K 1448/08).

Die EU-Mitgliedstaaten sind grundsätzlich zur gegenseitigen Anerkennung eines auf ihrem Hoheitsgebiet ausgestellten Führerscheins verpflichtet. Die Gültigkeit eines von einem ausländischen EU-Staat ausgestellte Führerschein ist von Deutschland auf seinem Hoheitsgebiet daher ohne weitere Nachprüfung anzuerkennen, sofern der Führerschein außerhalb einer für den Betroffenen verhängten Sperrfrist erteilt wurde und sofern der Inhaber der EU-Fahrerlaubnis seinen ordentlichen Wohnsitz im Hoheitsgebiet des Ausstellerstaates hatte. Dies ist zugleich der Eckpfeiler der bisherigen EuGH Rechtsprechung.

Einen „ordentlichen Wohnsitz“ hat eine Person dort, wo sie über einen zusammenhängenden Zeitraum von mindestens 185 Tagen wohnt. Voraussetzung ist dabei eine enge Beziehung zum Wohnort wegen persönlicher und beruflicher Bindungen. Abzustellen ist nicht auf die Anmeldung beim zuständigen Amt sondern auf den sog. Lebensmittelpunkt der Person.

Die deutsche Fahrerlaubnisbehörde ist jedoch in den Fällen befugt, die Fahrberechtigung abzuerkennen, wo durch „unbestreitbare Informationen des Ausstellerstaates“ oder aufgrund der im EU-Führerscheindokument eingetragenen Angaben feststeht, dass der Inhaber der EU-Fahrerlaubnis seinen Wohnsitz nicht im ausstellenden Staat hatte.

Diese Grundsätze hat der EuGH in seinen Entscheidungen Zerche u.a. (Rechtssache C 334/06 bis 336/06) und Wiedemann/Funk (Rechtssachen C 329/06 und C 343/06) aufgestellt. Auch das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen bestätigte diese Auslegung des EU-Rechts ausdrücklich als „verbindlich“.

Es hatte sich nun aber mit der Frage auseinanderzusetzen, was eine „unbestreitbare Information“ darstellt, nach der ein Verstoß gegen das in der Richtlinie 91/439/EWG aufgestellte Wohnsitzprinzip feststeht.

Dem Kläger war von der Straßenverkehrsbehörde zur Vorlage einer MPU verpflichtet worden. Er war nach einer Trunkenheitsfahrt mit 1,88 Promille verurteilt worden. Die Fahrerlaubnis war ihm durch den Strafrichter entzogen worden. Nachdem die ebenfalls verhängte Sperrfrist abgelaufen war, war dem damaligen Studenten eine neue Fahrerlaubnis in Tschechien erteilt worden. Im Tschechischen Führerschein war ein tschechischer Wohnort eingetragen. Bei einer Polizeikontrolle in Deutschland hatte er diesen Führerschein vorgelegt. Weil er die daraufhin angeordnete MPU nicht vorgelegt hatte, untersagte ihm die Straßenverkehrsbehörde, von der tschechischen EU-Fahrerlaubnis in Deutschland Gebrauch zu machen. Unter Bezugnahme auf die EU-Rechtsprechung klagte der Student gegen diese Aberkennungsverfügung. Die Behörde war der Ansicht, mit dem Erwerb der Fahrerlaubnis in Tschechien habe er die gemeinschaftsrechtlich garantierte Freizügigkeit missbraucht. Weil der Betroffene tatsächlich gar nicht seinen Wohnsitz nach Tschechien verlegt habe, habe er die tschechische Fahrerlaubnis im Zuge eines sog. Führerschein-Tourismus erworben.

Die Behörde verwies zum Beleg dieser Behauptung auf ein ihr vorliegendes Schreiben der der tschechischen Ausstellungsbehörde übergeordneten Behörde.

In diesem Schreiben des tschechischen Bezirksamtes stand, dass sich bei Überprüfung hinsichtlich des Wohnsitzes Zweifel ergeben hätten, weil eine vorgelegte Studienbescheinigung nicht als Nachweis dafür diene, dass die Anwesenheit in der Tschechischen Republik für den gesetzlich vorgesehen Zeitraum von 6 Monaten vor Einreichung des Antrags auf Erteilung der Fahrerlaubnis bestand und auch die entsprechende Personenkennziffer fehle. Eine eindeutige Gesetzeswidrigkeit sei nicht festzustellen. Aufgrund des neuen Tatsachenstandes könne sich aber die Rechtsgrundlage ändern und von der für die Ausstellung zuständigen Behörde ein neues Verfahren in Erwägung gezogen werden.

Die Gelsenkirchener Verwaltungsrichter sahen in dieser Stellungnahme der tschechischen Behörde keine „unbestreitbare Information“ im Sinne der EuGH-Rechtsprechung. Diese habe nur vorsichtige Zweifel und keine abschließende Bewertung der Ordnungemäßheit der Fahrerlaubnisentziehung an den Betroffenen enthalten.

Zur Entziehung der Fahrerlaubnis für Deutschland war die Straßenverkehrsbehörde daher nicht berechtigt. Sie muss diese Verfügung gegenüber dem Betroffenen wieder aufheben.



_______

Anmerkung:

Das Urteil zeigt, dass die deutsche Führerscheinbehörde – wie dies in der Praxis leider häufig gemacht wird – dem Betroffenen nicht einfach den rechtsmissbräuchlichen Erwerb eines EU-Führerscheins unterstellen darf. Sie muss die von der EuGH-Rechtsprechung postulierten „unbestreitbaren Informationen“ darlegen, wonach der „Führerscheintourismus“ feststehe. Häufig werden die deutschen Behörden bei den zuständigen Behörden des EU-Ausstellungsstaates im Wege der Amtshilfe um eine Überprüfung der Erteilungsvoraussetzungen, also insbesondere der Erfüllung des Wohnsitzkriteriums nachsuchen. Gerade die osteuropäischen Staaten werden jedoch in der Praxis nur selten diese Ermittlungen durchführen. In bis Ende 2008 über 3000 beanstandeten Fällen wurde von der Tschechischen Republik noch keine Fahrerlaubnis wegen Verstoßes gegen das Wohnsitzerfordernis zurückgenommen.

Es ist für Betroffene erfreulich, dass das Verwaltungsgericht hohe Anforderung an den Begriff der „unbestreitbaren Information“ gestellt hat.

_________
Diese Rechtsprechung ist allerdings nur noch ein Hoffnungsschimmer auf Zeit für Inhaber einer ausländischen EU-Fahrerlaubnis. Denn mit der Umsetzung der 3. EU-Führerscheinrichtlinie (Richtlinie 2006/126/EG) in nationales deutsches Recht zum 19.01.2009 dürfen dann zumindest alle später ausgestellten EU-Fahrerlaubnisse aberkennt werden.



Quelle

2008 VG Verwaltungsgericht Gelsenkirchen,7 K 1448/08
--------K@i-----------
Ich bin total digital! :saar:
Die perverse Gelüste verderben den Geschmack der Normalität -pg-
--->Abkürzungen im Forum<--- :stt:

Dieser Beitrag wurde bereits 5 mal editiert, zuletzt von »Paule« (12. Januar 2010, 12:53)


Paule

Menschlich

  • »Paule« ist männlich
  • »Paule« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 9 534

Registrierungsdatum: 28. März 2006

Wohnort: Saar

Beruf: Zuschauersport

Führerschein aus: mit und ohne -:)

  • Nachricht senden

2

Mittwoch, 25. März 2009, 13:19

--------K@i-----------
Ich bin total digital! :saar:
Die perverse Gelüste verderben den Geschmack der Normalität -pg-
--->Abkürzungen im Forum<--- :stt:

Pioneer

unregistriert

3

Mittwoch, 25. März 2009, 17:50

In bis Ende 2008 über 3000 beanstandeten Fällen wurde von der Tschechischen Republik noch keine Fahrerlaubnis wegen Verstoßes gegen das Wohnsitzerfordernis zurückgenommen.


Bei derartigen Aussagen frage ich mich dann schon, woher er das so genau weiß, das halte ich für etwas sehr pauschal dargestellt.

Hat er ein Komplett-Abo bei CZ-Verwaltungsgerichten oder wie muß man das werten. :greubel:

Paule

Menschlich

  • »Paule« ist männlich
  • »Paule« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 9 534

Registrierungsdatum: 28. März 2006

Wohnort: Saar

Beruf: Zuschauersport

Führerschein aus: mit und ohne -:)

  • Nachricht senden

4

Mittwoch, 25. März 2009, 17:58

Naja aus der Nase gezogen hat er es sich wohl kaum. Der Demuth ist eigentlich mehr negativ gegenüber dem Eu-FS eingestellt.
Jedenfalls ist mir auch noch kein User bekannt der seinen CZ-FS zurück geben musste. Das untermauert die Aussage auch etwas.
--------K@i-----------
Ich bin total digital! :saar:
Die perverse Gelüste verderben den Geschmack der Normalität -pg-
--->Abkürzungen im Forum<--- :stt:

Pioneer

unregistriert

5

Mittwoch, 25. März 2009, 18:06

Das stimmt sicher, nur so pauschale Aussagen machen mich immer etwas nachdenklich und dann hinterfrage ich schon mal gern, wie derartige Erkenntnisse zustande kommen.

Beiträge: 83

Registrierungsdatum: 4. März 2009

  • Nachricht senden

6

Montag, 6. April 2009, 14:42

Fakt : Geburtennummer ist keine unbestreitbare Information zum Wohnsitz.

Frage: Was ist denn eine unbestreitbare Information ? Nach diesen Urteil dürfte doch nur eine unbestreitbare Information aus dem
ausstellenden Land selber kommen ?! Sprich durch Nachfragen oder Auskunft.

Eine Kopie : Welches die deutschen Verkehrsbehörden vom ausländischen Führerschein mit deutschen Wohnsitz(heute Wohnsitz bereinigt) gemacht haben, ist keine
unbestreitbare Information .


Liege ich hiermit richtig ? Würde mich auf Antworten freuen !